" />
Nothilfe Mensch e. V. Im Dienst der Menschlichkeit
Die Ärmsten der Armen hierzulande bleiben zurück

Obdachlose aus Osteuropa

OBDACHLOSE AUS OSTEUROPA

Lieber in Deutschland sterben wie ein Mensch als in Polen wie ein Hund

Krzysztof hat sich zurechtgemacht. Er hat die blonden Strähnen glatt gekämmt, das Gesicht ist frisch rasiert. Er streicht mit den Fingern über das Kirschmuster auf der gewachsten Tischdecke. Er sitzt in der Bahnhofsmission am Berliner Ostbahnhof und wartet auf Ursula Czaika, die Leiterin der Einrichtung. Sie hat ihn für diesen Vormittag zu einem Gespräch gebeten, das seinem Leben eine Wende geben könnte.

Krzysztof ist Pole und einer von zahllosen osteuropäischen Wohnungslosen, die seit der EU-Osterweiterung nach Deutschland gekommen und auf der Straße gelandet sind. Wie viele es sind, die unter Brücken und in Parks ihr Dasein fristen, darüber gibt es keine exakten Zahlen. Der aktuellen Auswertung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe (BAGW) zufolge waren 2016 in Deutschland rund 860.000 Menschen obdachlos, 150 Prozent mehr als 2014. Hilfsstellen berichten, dass gut ein Drittel der Bedürftigen aus Rumänien, Bulgarien, Polen oder einer der ehemaligen Sowjetrepubliken stammen.

Viele Städte sehen sich durch die zunehmende Zahl der Obdachlosen überfordert und vom Bund alleingelassen.

Die Hamburger Sozialbehörde hat 2017 sogar rund 800 obdachlose Frauen und Männer aus Osteuropa aufgefordert, die Stadt beziehungsweise das Land zu verlassen. Mehr als 100 Personen, die im Rahmen der Winternothilfe beim Beratungsgespräch sagten, dass sie in ihrer Heimat eine feste Bleibe haben, bekamen ein Rückfahrticket. Ein Schlafplatz wurde ihnen nur noch für die Tage bis zur Abfahrt bereitgestellt.

Bedürftigen die Hilfe zu verweigern, das ist mit dem Leitbild der Bahnhofsmissionen unvereinbar. 1894 entstand die kirchliche Hilfsstelle am Ostbahnhof, der damals noch Schlesischer Bahnhof hieß. Damals hatten sich Frauen aus dem wohlhabenden Berliner Bürgertum zusammengetan, um die Mädchen zu empfangen, die aus der ostdeutschen Provinz am Bahnhof landeten, Stellungen in reichen Haushalten suchten – und Gefahr liefen, in die Hände von Zuhältern zu geraten.

Heute helfen die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter Rollstuhlfahrern beim Ein- und Aussteigen, betreuen alleinreisende Kinder. Sie sind eine Anlaufstelle für Menschen, die bestohlen oder verletzt wurden, die jemanden zum Reden brauchen oder sich einfach nur mal ausruhen wollen. Die Bahnhofsmission betrachtet sich als Seismograf gesellschaftlicher Veränderungen. Seit einigen Jahren steigt auch bei ihnen der Anteil der Armutsbetroffenen, vor allem der Obdachlosen aus Süd- und Osteuropa.

Ursula Czaika kommt durch die Tür und begrüßt Krzysztof wie einen alten Bekannten. Sie setzt sich zu ihm an den Tisch mit der bunten Wachsdecke, drückt seine Hand und klappt ihr Laptop auf. Die 63-Jährige, die seit zehn Jahren die Bahnhofsmission am Ostbahnhof leitet, will, dass Krzysztof ihr seine Geschichte erzählt.

Dass das trotz der Sprachbarrieren zwischen ihnen möglich sein soll, verdankt sie einer neuen technischen Errungenschaft. Die Bahnhofsmission am Ostbahnhof ist eine von deutschlandweit fünf Pilot-Einrichtungen, die seit Kurzem mit einem speziellen Dolmetschprogramm ausgestattet sind. Per Bildschirmtelefon oder Videochat können professionelle Übersetzer zu Beratungsgesprächen hinzugezogen werden. Der österreichische Dienstleister, der dafür gebucht wurde, bietet Übersetzungen in rund 40 Sprachen.

Ermöglicht wird das Videodolmetschen durch die Deutsche Bahnstiftung. 100.000 Euro lässt sich die Organisation, die das soziale Engagement der Bahn bündelt, das neue Projekt kosten. Die Idee hatte der leitende Betriebsarzt der Deutschen Bahn AG, Christian Gravert. Er hat schon vor zwei Jahren gute Erfahrungen mit per Video eingeschalteten Übersetzern gemacht, als er für die Bahn mit einem speziellen Gesundheitsbus in Flüchtlingsunterkünften die hausärztliche Versorgung unterstützt hat.

Krzysztof ist einer der ersten Gäste, mit denen Ursula Czaika per Videodolmetscher ein Beratungsgespräch führt. Sie will wissen, seit wann er in Deutschland ist, was er unternommen hat, um Arbeit zu finden, und warum er sein Bein hinterherzieht. Krzysztof erzählt von seinem Leben in Polen. Von Gelegenheitsjobs, mit denen er sich als Ungelernter über Wasser gehalten habe.

Deutschland war das Land seiner Hoffnung auf ein besseres Leben.

Doch bald nach seiner Ankunft hätten die Probleme angefangen. Weil er weder ein Wort Deutsch spreche konnte noch gemeldet gewesen sei, habe er keine Arbeit gefunden. Übernachtet habe er in einem Wald am Rand von Berlin. Eines Abends sei er auf dem Weg zu seinem Schlafplatz in einem Zaun hängen geblieben und habe sich sein Bein verletzt. Die Wunde habe sich infiziert. Dreimal sei er operiert worden. Obwohl er nicht krankenversichert sei. Das habe der deutsche Staat gezahlt, sagt er, und dass er dafür sehr dankbar sei.

Ein Gesundheitssystem, das niemandem die Hilfe verweigert, ist nicht der einzige Grund dafür, dass selbst ein Leben auf der Straße in Deutschland für die Ärmsten noch attraktiver ist als ein Dasein in den Elendsvierteln von Rumänien oder Bulgarien. Berlin hat eine besonders hohe Dichte an Suppenküchen und Wärmestuben. An der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo werden täglich bis zu 700 Frauen und Männer mit Essen oder Kleidung versorgt.

Frau Czaika hatte einen Gast mit einer Leberzirrhose in der Endphase. „Zweimal haben wir ihn ins Krankenhaus gebracht“, berichtet sie. „Peter“, habe sie zu ihm gesagt, „Sie sind auf der letzten Strecke ihres Lebens, warum gehen Sie nicht nach Hause?“ Er wisse, dass er sterben werde, habe er gesagt, aber in Deutschland sterbe er wie ein Mensch, in Polen wie Hund.

Während für die Kritiker die Zeichen der Wohltätigkeit falsche Anreize setzen, die noch mehr Arme ins Land locken, sind sie für die Menschen auf der Straße der letzte Anker.

In dem Videodolmetschen sieht sie eine große Chance für eine Unterstützung, die über eine erste Hilfe hinausgeht, sich nicht darauf beschränkt, den Menschen einen Kaffee einzuschenken oder einen Schlafsack in die Hand zu drücken.

Krzysztof sagt, dass er weg will von der Straße. Er wolle raus aus dem Milieu, in dem Gewalt herrsche und getrunken werde. Er wolle auf eigenen Beinen stehen, eine Arbeit finden, eine Wohnung. Seine Stimme klingt rau.

Frau Czaika drückt noch einmal seine Hand. Am Donnerstag, sagt sie, würden -wie jede Woche- zwei „Frostschutzengel“ in die Bahnhofsmission kommen. Die Hilfsorganisation, deren Mitarbeiter über die entsprechenden Sprachkenntnisse verfügen, und teilweise Muttersprachler sind, kümmert sich vor allem um Osteuropäer. Sie könnten auch Krzysztof helfen. Bei Anträgen bei Behörden, bei den Wegen zu den Ämtern. Und sie unterstützen auch bei der Suche nach Arbeit und beim Schreiben von Bewerbungen. Sie könnten eine Brücke in ein geregeltes Leben sein.

Krzysztof nickt. Ja, sagt er, er wird am Donnerstag kommen.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Die meisten Obdachlosen in Berlin kommen aus Polen. Die polnische Botschaft will ihnen nun bei der Rückkehr helfen. Andrzej, 25, ist schwul – und will nicht zurück. Für ihn ist die deutsche Hauptstadt eine Befreiung.

Es ist viel los an diesem Dienstagnachmittag. In der Schlange zur Kantine stehen Familien mit ihren Kindern an, schieben große blau-gelbe Wagen vor sich her, auf ihren Tabletts stapeln sich Köttbullar, Spargel, Eis. Irgendwo dazwischen steht Andrzej, der seinen Nachnamen lieber nicht veröffentlichen will. Zwei Meter ist er groß, trägt eine rote Adidas-Sporthose, die nur knapp über das Knie reicht. Er fährt mit der Hand über seinen kahl rasierten Kopf, der nicht so recht passt zu seinem kindlichen, pausbäckigen Gesicht. In der Schlange hat Andrzej keinen Wagen vor sich stehen, auch kein Tablett. Das Einzige, was er in der rechten Hand fest umklammert hält, ist eine kleine, gelbe, rechteckige Karte. Die IKEA Family Card. „Du liebst dein Zuhause?“ lautet der Slogan. Aber Andrzej ist nicht wegen der Möbel hier. Er liebt sein Zuhause nicht. Er hat nämlich gar keins.

Der junge Pole ist 25 Jahre alt und obdachlos, im Sommer lebt er auf der Straße, im Winter in Notunterkünften der Kältehilfe. 

Wie viele Obdachlose es in Berlin insgesamt gibt, ist nur schwer messbar, und weder der Senat noch die Bahnhofsmissionen können klare Angaben dazu machen. Ihre letzten Schätzungen gehen von 6000 bis 10.000 Menschen aus. Etwa zwei Drittel davon sollen aus Osteuropa gekommen – die meisten aus Polen.

„Ich fühle mich hier wohl, weil ich unter normalen Leuten bin“

Endlich ist Andrzej in der Schlange dran. „Guten Tag“, sagte er mit heller Stimme und mit nur leichtem Akzent. Mit der Family Card bekommt Andrzej kostenlosen Kaffee. Es ist sein kleines Geheimnis, auf das er stolz ist. An einem der Automaten ein paar Meter weiter hatte er sich vor ein paar Monaten als Kunde registriert, tippte mit dem Finger die Adresse einer Obdachloseneinrichtung ein.

Mit dem Milchkaffee in der Hand setzt er sich auf eines der grauen Sofas am Fenster. Er fällt in der Menge nicht auf, sein weißes T-Shirt und seine rote Sporthose sind gewaschen, sein Bart gestutzt. Allein an seinen Sneakern, von denen sich Stück für Stück die Sohle ablöst, sieht man ihm seine Armut an. Doch darauf achtet im Trubel des Möbelkaufhauses niemand. „Ich fühle mich hier wohl, weil ich unter normalen Leuten bin“, sagt Andrzej und lässt seinen Blick schweifen, vorbei an Pärchen, die ihre Einkäufe begutachten, und Kindern, die große Kugeln Eis essen. „Das tut gut.“

Sonntags sitzt er bei McDonald’s

Um als Obdachloser durch den Tag zu kommen, muss man sich zu helfen wissen. Bei Andrzej ist der Tagesablauf klar geregelt. Frühstück in der Bahnhofsmission am Ostbahnhof, danach Ringbahnfahren. Gegen 23 Uhr, wenn es dunkel ist, geht er zu seinem Schlafplatz, einem versteckten Hauseingang, „gut überdacht und unauffällig“, sagt er, mehr will er nicht verraten. Am Sonntag, wenn alle Geschäfte geschlossen sind, sitzt er bei McDonald’s. Andrzej trinkt nicht, raucht nicht. In Polen hat er nach der Schule eine Ausbildung zum Schlosser gemacht, jobbte als Lagerverkäufer bei Amazon. In Berlin fällt es ihm ohne Wohnung schwer, einen Job zu finden, und ohne Job eine Wohnung – ein Teufelskreis, der vielen Obdachlosen den Weg zurück in ein geregeltes Leben versperrt.

Die Gründe, warum Polen nach Berlin kommen und obdachlos werden, sind vielfältig. Anett Leach leitet die Obdachloseneinrichtung Klik, die junge Obdachlose aus Osteuropa betreut. Sie sieht insbesondere die geografische Nähe zum Land als entscheidenden Faktor – zur polnischen Grenze sind es von Berlin aus gerade einmal 100 Kilometer. Viele Menschen würden kommen, um zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken, so Leach. „Sie haben große Erwartungen an Berlin. Doch dann läuft etwas schief, der Job ist vorbei, das Geld bleibt aus. Viele schämen sich zurückzugehen.“ Auch gebe es diejenigen, die schon in Polen obdachlos gewesen sind. „Es ist für sie einfacher, hier zu überleben als in der Heimat“, so Leach.

Auch Andrzej ist dankbar für die Hilfe, die er in Berlin bekommt, die warmen Mahlzeiten, die Duschen und die Kältehilfe im Winter.

Betteln tut er nicht. Er sammelt Pfandflaschen und manchmal, wenn niemand hinschaut, gräbt er in Mülleimern nach Essensresten. Als EU-Ausländer, der noch nie länger in Deutschland gearbeitet hat, hat er keinen Anspruch auf Sozialleistungen.

Der 25-Jährige ist aufgrund seiner Homosexualität nach Berlin gekommen. Er ist in einem Dorf bei Posen aufgewachsen, dreieinhalb Autostunden von Berlin entfernt. Seine Eltern haben ihn aus dem Heim adoptiert, als er sechs Jahre alt war. Mit 20 erwischte ihn seine Mutter mit einem Mann. Noch am selben Tag schmiss sie ihn raus. „Sie fand es eklig, eine Krankheit“, erinnert sich Andrzej.

Er wusste nicht wohin. Mit ein paar Sachen in der Tasche ist er schließlich zum Bahnhof in Posen gegangen. Er blieb, schlief anderthalb Jahre am Bahnhof. So erzählt er es zumindest. Eines Tages verprügelten ihn ein paar andere Obdachlose. „Schwuchtel“, riefen sie und schlugen zu, immer wieder. Mit einem blauen Auge und blutendem Kinn floh Andrzej zum nächsten Gleis. Er wollte nur noch weg. Zehn Minuten später saß er im nächsten Zug nach Berlin. „Es war wie eine Befreiung“, erinnert sich Andrzej.

Andrzej hofft auf eine Wohnung

Andrzej hofft, dass er es eines Tages von der Straße schafft. Und dann, wenn er eine Wohnung hat und einen Partner, vielleicht auch einen Hund, ein ganz normales Leben also, will er auch die schwule Szene entdecken. „Vielleicht hätte ich dann einen Freund, und dann würden wir zusammen Hand in Hand über den Alexanderplatz laufen“, sagt er und lächelt schwach. „Das wäre schön.“

Quelle: Welt + © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.
© by 2014 Nothilfe Mensch e. V.